Unabhängiger, strategischer Inkubator: Neue Form der Zusammenarbeit

11/12/2017

Johannes Ellenberg

Kundenwünsche und Märkte verändern sich in rasantem Tempo. Jahrelang erfolgreiche Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr oder werden von neuen Wettbewerbern bedroht. Deshalb wird es immer wichtiger, bestehende Geschäftsmodelle zu hinterfragen und eventuell zu adaptieren. In größeren Organisationen scheitert dies häufig an inneren Widerständen, fehlenden Kompetenzen und nicht passendem Mindset. Die Unternehmen versuchen dem mit verschiedenen Maßnahmen zu begegnen, unter anderem mit Investitionen in Startups oder die Bildung von Digitaleinheiten, Acceleratoren und Inkubatoren. Die Unternehmen erhoffen sich davon Zugang zu potenziell disruptiven Ideen und Teams; Start-ups und Entrepreneure erhoffen sich Zugang zu Kapital, Wissen und unternehmenseigenen Assets.

Nils-Christoph Ebsen, Principal bei etventure, empfiehlt Unternehmen den “Aufbau eines unabhängigen, strategischen Inkubators”. Er begründet: “Ein erfolgreiches Innovations- und Investmentvehikel sollte einen geschützten und damit für Entrepreneure und ihre Teams attraktiven Raum für Innovationen bieten, den Zugang zu Corporate Assets ermöglichen, das Investitionsrisiko für das Unternehmen senken und die Umsetzungsgeschwindigkeit sowie Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.”

Grundvoraussetzung für Ebsens Konzept ist die Erfüllung der vielfältigen Anforderungen von Entrepreneuren, Investoren, Startups, Kunden und des als strategischer Investor auftretenden Unternehmens. Er hat neun Punkte identifiziert, die das gewährleisten.

  1. Der einfache Zugang zu ausreichendem Kapital für die Ideen- und Validierungsphase eines Startups bildet die Kernvoraussetzung für einen erfolgreichen Inkubator. Grob können 250.000 Euro pro umzusetzender Idee gerechnet werden. Für Folgeinvestitionen sollte ein zweiter eigenständiger Kapitaltopf zur Verfügung stehen, um das Wachstum erfolgreicher Startups weiter begleiten zu können.
  2. High Class Management. Die Geschäftsführung des Inkubators sollte mit einem anerkannten Fachmann mit guter Vernetzung in der zu bearbeitenden Kernindustrie und einem Experten im Unternehmensaufbau mit starkem Netzwerk in der Startup- und Investorenszene besetzt werden. Das Management sollte in geeigneter Form am Erfolg des Inkubators, zum Beispiel durch Anteile oder eine erfolgsabhängige Vergütungskomponente, beteiligt sein.
  3. Marktgerechte Strukturen sollen dafür sorgen, dass die aus dem Inkubator entstandenen Startups bezogen auf das spätere Wachstum am freien Kapitalmarkt wettbewerbsfähig und attraktiv für Investoren bleiben. Eine marktgerechte Struktur zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Entrepreneuren hohe Unternehmensanteile zur Verfügung gestellt werden.
  4. Ein operatives Kernteam soll die Qualität erhöhen und die Umsetzung beschleunigen. Das Team sollte alle Funktionsbereiche für ein Frühphasen-Startup abdecken, komplementär/heterogen aufgestellt sein und am Erfolg der Startups beteiligt sein.
  5. Ein extrem starkes Netzwerk ist für die Gewinnung und Einstellung von Top-Entrepreneuren, die Akquise von Investoren und
    den Erfolg der Startups von entscheidender Bedeutung. Darüber hinaus fördert es den Zugang zu Wagniskpital, Kooperationspartnern, Technologie und Experten sowie den Wissensaustausch.
  6. Hohe Selektivität in der Auswahl der Ideen gewährleistet eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit der Startups und einen vorausschauenden Umgang mit Ressourcen.
  7. Strukturvorteile entstehen durch die Unterstützung bei der Erfüllung administrativer und regulatorischer Pflichten. Dadurch kann ein Großteil der Arbeitszeit des Teams auf die unternehmerische Geschäftstätigkeit fokussiert werden. Das bringt Vorteile bei der Umsetzungsgeschwindigkeit und der Produktentwicklung.
  8. Einfacher Zugang zu Daten und Corporate Assets sorgt für einen großen Wettbewerbsvorteil. Das macht die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle anhand der Analyse von Daten möglich, zu denen Startups am freien Markt keinen Zugang haben, steigert die Umsetzungsgeschwindigkeit aufgrund von leichterem Kunden-, Technologie- und Expertenzugang.
  9. Die Unabhängigkeit des Inkubators gegenüber den Kapitalgebern muss gewährleistet sein, um nicht an Wettbewerbsfähigkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit zu verlieren. Außerdem sollte die Struktur des Inkubators die Beteiligung weiterer Investoren ermöglichen.

Abschließend gibt Ebsen zu bedenken, dass Investitionen in Startups, losgelöst vom Investmentvehikel und Vorgehen, Langzeitinvestments sind. Beim Inkubatoransatz müsse mit einem Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren geplant und budgetiert werden. Je früher der Ausstieg erfolge, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit eines Verlusts der Gesamtinvestition. Die Finanzierung des Inkubators sollte nicht aus laufenden Strategie-. Projekt- oder Innovationsbudgets erfolgen, sondern sollte Teil der Kapitalanlage sein. „So wird einerseits vermieden, dass der Inkubator in Budgetkonkurrenz zu internen Vorhaben tritt und andererseits stehen perspektivisch mehr Mittel zur Verfügung”, begründet Ebsen.“ Wird der Inkubator in diesem Sinne zum Beispiel über einen Fonds finanziert, besteht zudem der Vorteil, dass sich Dritte einfach beteiligen können, mit der günstigen Folge einer breiteren Finanzierungsbasis.”

Mehr über Nils-Christop Ebsen: https://www.etventure.de/team/nils-christoph-ebsen/

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